Interviews

  • Ein Pfund Kaffee weniger

    Beitrag zur Reihe im dtv-Magazin „Unsere Bücher – Ihre  Geschichten“

    Bücher haben ihre Geschichte, nicht nur die gedruckte, sondern auch ihre eigene, ganz und gar individuelle Vergangenheit und den meisten kann man sie ansehen: zerknickte Einbände, vergilbte Seiten, Kaffeeflecken oder ein hochglänzender Buchrücken erzählen davon, wie oft ein Buch gelesen oder eben nicht gelesen wurde.

    Bei unserem letzten Umzug ist mir das beim Ausräumen der Bücherkisten wieder deutlich geworden. Bei vielen Büchern konnte ich mich sehr genau daran erinnern, wo und wann ich sie gelesen, ob ich sie geschenkt bekommen oder gekauft habe. Einige Bücher trugen Widmungen von Freundinnen, bei manchen meinte ich noch die Meeresluft zu riechen und erwartete, dass Sand aus den Seiten rieseln müsste, wenn ich sie aufschlug. Viele Bücher begleiteten mich an langen Winterabenden, bei anderen zeugten farbige Markierungen von detaillierten Analysen während des Studiums. Irgendwann fiel mir „Memoiren eines mittelmäßigen Schülers“ von Alexander Spoerl in die Hände. Ein Buch, aus dem uns die Musiklehrerin in Vertretungsstunden in der Oberschule hin und wieder vorgelesen hatte. Ein schmales dtv-Buch, im damals typisch weißen Einband. Wenig später entdeckte ich eben jenen Titel noch einmal. „Ach, hast du das Buch auch?“, fragte ich meinen Mann, der ebenfalls Kisten ausräumte.

    Als er sah, welches Buch ich ihm entgegen hielt, antwortete er: „Ja, das ist das ›Kaffeebuch‹.“

    „›Kaffeebuch‹?“

    „Meine Oma hat damals eine ihrer Verwandten in West-Berlin besucht, sie hat es mir mitgebracht. Den Titel fand sie wohl lustig.“

    Zweifelnd schaute ich meinen Mann an, der, was ich sicherlich kaum noch hinzuzufügen brauche, im Osten Berlins aufwuchs, zu einer Zeit, als die Mauer zum Alltag in Deutschland gehörte.

    „Durfte man denn Druckerzeugnisse einführen?“ Druckerzeugnisse, ein merkwürdiges Wort, das mir in diesem Moment in Erinnerung kam.

    „Eigentlich durfte man so gut wie nichts in die DDR einführen. Versucht hat es aber fast jeder, der auf West-Besuch war. Süßigkeiten, Creme, Deo, Haarspray, was da alles mitgebracht wurde, wenn es denn an der Grenze bei den Kontrollen nicht entdeckt wurde. Ganz hoch im Kurs stand aber Kaffee.“

    Ich ahnte, dass wir uns der Erklärung des Begriffs ›Kaffeebuch‹ näherten und wartete schweigend ab.

    „Jedenfalls hat meine Oma beschlossen, dass sie mir ein Buch mitbringt. Sie hat von dem knapp bemessenen Westgeld halt ein Pfund weniger Kaffee gekauft. Statt drei Pfund waren es nur zwei, eines für meine Eltern und eines für sie selbst. Für mich nahm sie das Buch mit. Den Kaffee trug sie in ihrer Tasche bei sich, und das Buch hat sie wohl unter ihrer Bluse in den Rocksaum gesteckt. Sie wurde nicht durchsucht, und so kamen Buch und Kaffee bei uns zu Hause an. Ich war vielleicht dreizehn oder vierzehn und hätte mich eher über eine Jugendzeitschrift gefreut. Poster hatten einen guten Tauschwert.“

    Nun schwiegen wir beide und dachten das Gleiche: Manche Handlungen und Dinge weiß man hin und wieder erst später im Leben zu würdigen. Das Druckerzeugnis hat nun einen Ehrenplatz erhalten. Es steht im Küchenregal, zwischen Kaffeedose und Zuckerstreuer, eben dort, wo es hingehört – das ›Kaffeebuch‹.

    Liv Winterberg

    Quelle: magazin.dtv.de
  • Interview mit LovelyBooks, im Juni 2011

    1) „Vom anderen Ende der Welt“ ist ihr Debütroman! Wie kam es denn von der ersten Idee bis zur Veröffentlichung beim dtv-Verlag?

    Schon immer fand ich den Gedanken reizvoll, selbst zu schreiben - aus diesem Grund habe ich auch Germanistik studiert, um zu erfahren, eben aus wissenschaftlicher Sicht, wie andere Autorinnen und Autoren ihre Texte verfassen. Nach dem Studium habe ich bei einer Filmproduktionsfirma gearbeitet und habe mich dort, in der Praxis sozusagen, mit der Stoffentwicklung befasst. Begleitend habe ich eine Drehbuchfortbildung gemacht, und mir noch weiteres praktisches Handwerkszeug zugelegt. Kaum war diese beendet, habe ich die Arbeit am Roman begonnen. Natürlich hatte ich mich schon eine Weile mit der Frage befasst, worüber ich gern schreiben würde und merkte, dass mich Themen interessierten, die einen realen historischen Hintergrund haben. Bei meinen Recherchen stieß ich dann zufälllig auf Jeanne Baret und war sofort von ihrem Mut beeindruckt, davon, welchem Risiko sie sich für ihre Berufung ausgesetzt hat. Insgesamt hat es dann gut drei Jahre in Anspruch genommen, aus der Idee einen Roman entstehen zu lassen. Als das Manuskript fertig war, hat die Agentin es angeboten und dtv war sofort interessiert. Wenn ich dann endlich am Schreibtisch sitze, darf der Kaffee nicht fehlen. Das Schreiben an sich ist mit einer hohen Konzentration verbunden, zumindest für mich, so dass ich immer wieder kleinere Pausen einlege. Und auch hier, in diesen kleinen wunderbaren Momenten des Nichtstun, mache ich das, was die meisten in solchen Situationen gern machen: im Internet herumsurfen, telefonieren oder noch eine weitere Tasse Kaffee holen.
    Natürlich gibt es ergänzende Rechercheausflüge, die meine Arbeit am Schreibtisch unterbrechen und in Bibliotheken, Museen oder zu Treffen mit Experten führen, aber alles in allem ist das Schreiben eine sehr unaufgeregte Tätigkeit, was ich sehr schätze.

    2) Die junge Mary Linley bereist in ihrem Buch die ganze Welt. Sind Sie an all diesen Orten selbst gewesen oder kommt Ihnen hier Ihr Beruf als Rechercheurin zugute?

    Leider war es mir nicht möglich, für „Vom anderen Ende der Welt“ einmal um die Welt zu reisen, was ich aber sehr gern getan hätte. Dementsprechend habe ich für meine Recherchen alles zur Informationsbeschaffung herangezogen, was denkbar war. Da das Themenspektrum im Roman sehr breit ist, habe ich beispielsweise zu den Themen der Entdeckungsfahrten, Botanik, Heilkunde und des Schiffsbau regelrechte Bücherberge gelesen. Ich bin in Museen und den Botanischen Garten gegangen, hier in Berlin haben wir ja eine großzügige Auswahl, habe Filme und Dokumentationen angeschaut, Reiseführer verschlungen und Zeitungen durchforstet, die das eine oder andere Thema aufgriffen. Hierbei war es mir wichtig, ergänzend Experten zu Rate zu ziehen, die mir Fragen beantworteten, zum Teil haben sie den ganzen Roman gegengelesen. Ich hatte unter anderem eine Expertin für Botanik, eine für Medizin und einen Experten für die Seefahrt im 18. Jahrhundert. Für einzelne Spezialfragen habe ich dann oft herumtelefoniert, um diese zu klären: Um beispielsweise zu erfahren, wie ein Mensch aussieht, der sich erhängt hat, habe ich einen Freund befragt, der bei der Kriminalpolizei arbeitet. Um zu erfahren, wie man eine Schulter seinerzeit eingerenkt hat, musste wiederum ein Chirurg Frage und Antwort stehen. Das, was ich jetzt hier beschreibe, ist die Spitze des Eisberges. Um es nach dieser Ausführung kurz zu fassen: Ja, ich denke, dass mir meine Erfahrungen als Rechercheurin bei der Arbeit am Roman zu gute kamen, vor allem, weil ich einfach leidenschaftlich gern in mir unbekannte Themen eintauche und so „neue Welten“ erschließe. Insgesamt glaube ich, dass ich wenig Schwierigkeiten mit kritischen Anmerkungen habe. Schon während ich den Roman geschrieben habe, begleiteten mich viele Testleser, die mir Feedback zu den unterschiedlichsten Arbeitsständen gegeben haben. Das war ein sehr ehrlicher Austausch, der den Roman, mein Schreiben und auch mein Verständnis davon, wie ich mit Kritik umgehe, erweitert bzw. weitergebracht haben.

    3) Wie dürfen sich die Leser Ihren Alltag als Autorin vorstellen?

    In jedem Fall sehr unspektakulär und sehr viel normaler als vielleicht so mancher annimmt, denn mein Alltag unterscheidet sich wenig von dem anderer. Das Kind will in den Kindergarten, der Einkauf muss erledigt werden und das Steuerbüro benötigt Unterlagen, die ich noch zusammensuchen muss.
    Wenn ich dann endlich am Schreibtisch sitze, darf der Kaffee nicht fehlen. Das Schreiben an sich ist mit einer hohen Konzentration verbunden, zumindest für mich, so dass ich immer wieder kleinere Pausen einlege. Und auch hier, in diesen kleinen wunderbaren Momenten des Nichtstun, mache ich das, was die meisten in solchen Situationen gern machen: im Internet herumsurfen, telefonieren oder noch eine weitere Tasse Kaffee holen.
    Natürlich gibt es ergänzende Rechercheausflüge, die meine Arbeit am Schreibtisch unterbrechen und in Bibliotheken, Museen oder zu Treffen mit Experten führen, aber alles in allem ist das Schreiben eine sehr unaufgeregte Tätigkeit, was ich sehr schätze.

    4) Bei Portalen wie LovelyBooks wird den Lesern die Möglichkeit gegeben direkt mit den Autoren Kontakt aufzunehmen und sich auszutauschen. Dies bietet Platz für Lob, aber auch für Kritik – wie gehen Sie damit um?

    Wichtig ist es, die Spreu vom Weizen zu trennen, denn meiner Meinung nach gibt es zwei Möglichkeiten, Kritik zu äußern:
    konstruktiv und destruktiv. Eine Rezension, die gut argumentiert und erläutert, was gelungen ist und was vielleicht auch nicht, ist sehr wichtig. Hieraus kann ich Anregungen für den weiteren Schreibprozess mitnehmen.
    Insgesamt glaube ich, dass ich wenig Schwierigkeiten mit kritischen Anmerkungen habe. Schon wälhrend ich den Roman geschrieben habe, begleiteten mich viele Testleser, die mir Feedback zu den unterschiedlichsten Arbeitsständen gegeben haben. Das war ein sehr ehrlicher Austausch, der den Roman, mein Schreiben und auch mein Verständnis davon, wie ich mit Kritik umgehe, erweitert bzw. weitergebracht haben.

    5) Sie haben sich für Ihre Hauptdarstellerin das 18. Jahrhundert ausgesucht. Würden Sie mit ihr tauschen wollen oder wann und wo hätten Sie vielleicht gerne mal gelebt?

    Dafür bin ich viel zu neugierig. Wenn ich die Möglichkeit hätte, vergangene Zeiten zu besuchen, würde ich gern alles sehen, auch wenn das dauern würde. Sei es die Steinzeit, ein Besuch bei den Ägyptern, ein kleine Visite im Römischen Reich oder ein Ausflug zu den Wikingern, bevor ich mich dem Frühen Mittelalter zuwenden und durch die einzelnen Epochen gehen würde, wobei ich dann hier noch die Kontinente und in Europa zumindest die einzelnen Länder bereisen müsste. Eine Präferenz hätte ich da nicht, auch nicht für das 18. Jahrhundert und leben möchte ich ohnehin in der Gegenwart.

    6) Was lesen Sie denn selbst gerne bzw. gibt es ein aktuelles Lieblingsbuch, das Sie den Lesern empfehlen würden?

    Derzeit sitze ich an einem Krimi, auf den ich mich schon lange gefreut habe: Das neue Buch von Jussi Adler-Olsen. Mir gefallen seine ersten beiden Bücher sehr, und „Erlösung“ ist bisher, ich bin noch im vorderen Drittel, wieder arg spannend. Meiner Meinung nach braucht ein Buch die richtige Stimmung, um gelesen zu werden: Will ich jetzt Spannung, möchte ich in andere Zeiten abtauchen, will ich intellektuell angeregt werden oder ist mir nach einer romantisch unterhaltenden Lektüre. Danach entscheide ich, was ich lese und im Stapel ungelesener Bücher findet sich meist das passende Werk. Insofern lässt sich die Frage, was ich generell gern lese, schwer beantworten.

    7) Gibt es schon Pläne für einen weiteren Roman?

    Ja, ich sitze bereits an einem zweiten Roman, seitüber einem Jahr. Es wird wieder ein Historischer Roman, und er wird im 15. Jahrhundert in der Bretagne spielen. Sehr viel mag ich dazu aber noch nicht sagen, weniger aus Geheimniskrämerei, sondern weil ich weiß, wie sehr sich ein Projekt bei aller Vorplanung doch im Arbeitsprozess noch verändern kann.

    Quelle: LovelyBooks
  • Interview zu „Vom anderen Ende der Welt“, im Juni 2011

    Im Interview spricht Liv Winterberg über ihre Recherche für ihren ersten Roman „Vom anderen Ende der Welt“, Frauen, die sie bewundert und darüber, warum sie selbst noch nie eine große Schiffsreise unternommen hat.

    1) Warum ein historischer Roman?
    Als ich mich mit der Frage befasste, welches Thema ich gern in einem Roman erzählen würde, merkte ich, dass mich die Ideen interessierten, die auf einem realen historischen Hintergrund basieren. Da ich leidenschaftlich gern recherchiere, habe ich viel Freude daran, mich in mir bisher meist unbekannte Themen einzuarbeiten und »vergangene Zeiten abzutauchen«. Bei der Recherche packt mich dann immer wieder eine Art „Jagdfieber“, und so vereinen sich im Genre des Historischen Romans für mich zwei wunderbare Tätigkeiten: schreiben und recherchieren …

    2) „Vom anderen Ende der Welt“ basiert auf dem Leben der französischen Botanikerin Jeanne Baret. Was faszinierte Sie an dieser Frau?
    Der Mut dieser Frau, denn sie riskierte mit dieser Reise ihr Leben. Zu dieser Zeit sagte man den Seefahrern noch nach, dass das Reisen auf einem Schiff mit einem Aufenthalt in einem Gefängnis zu vergleichen sei, nur dass man auf dem Schiff noch in Kauf nahm, dabei sterben zu können. Die Sterblichkeitsraten bei Schiffsreisen waren damals noch enorm.
    Zudem begeisterte mich Jeanne Barets Wille, so konsequent ihrer „Berufung“ zu folgen. Das war für mich eine heute noch spürbare Begeisterung und Hingabe für ihre Arbeit – das hat mich „gepackt“.

    3) Wie sah die Recherche für „Vom anderen Ende der Welt“ aus?
    Sicherlich ist es nicht sonderlich überraschend, wenn ich sage, dass ich für dieses Buch nicht einmal um die Welt reisen konnte, auch wenn ich es sehr gern getan hätte. Für meine Recherchen habe ich deshalb alles herangezogen, was denkbar war: Zahlreiche Bücher, die sich mit den Themen der Entdeckungsfahrten, Botanik, Heilkunde, Schiffsbau usw. befassten, habe ich gelesen, teilweise mehrfach. Zudem habe ich verschiedene Museen besucht, in Berlin haben wir ja eine große Auswahl. Hierzu gehörten auch, was bei dem Thema nahe liegend ist, einige Besuche in den Botanischen Garten. Weiterhin habe ich Filme und Dokumentationen geschaut, Reiseführer verschlungen und Zeitungen durchforstet. Entscheidend waren aber oft die Auskünfte von Experten, die mir immer wieder Frage und Antwort standen, zum Teil sogar den ganzen Roman gelesen haben. Bei diesem Roman hatte ich beispielsweise eine Expertin für Botanik, eine für Medizin und einen für die Seefahrt im 18. Jahrhundert. Oft habe ich mich auch mit Detailfragen an Spezialisten gewandt: Um zu erfahren, wie ein Mensch aussieht, der sich erhängt hat, habe ich einen Freund befragt, der bei der Kriminalpolizei arbeitet. Um die Handgriffe zu kennen, die im 18. Jahrhundert nötig waren, um eine Schulter einzurenken, musste ein Chirurg Auskunft geben. Das ist jetzt nur eine Auswahl an Beispielen, die aber hoffentlich einen kleinen ersten Eindruck gibt. Insgesamt lässt sich jedoch feststellen, dass es häufig die berühmten „Kleinigkeiten“ waren, die sich dann aufwendiger herausstellten als ich erwartet hatte.

    4) Sind Sie selbst schon auf einem großen Segelschiff mitgefahren?
    In Berlin spielt die Schifffahrt leider keine bedeutende Rolle, da hätte ich es, wenn ich an der Nord- oder Ostsee leben würde, sicherlich auf mehr Erfahrungen gebracht. Insofern habe ich nur die üblichen Schifffahrten unternommen, die sich hin und wieder im Zusammenhang mit Urlauben ergeben, sei es auf Kuttern an der Nordsee, auf Segelbooten in Binnengewässern mit Freunden oder die klassischen Fährenüberfahrten. Leider muss ich zugeben, dass ich sehr anfällig bin, was die Seekrankheit betrifft, deshalb halte ich mich in dieser Hinsicht auch eher zurück und überlasse das Abenteuer einer Fahrt mit einem Segelschiff außerhalb der Binnengewässer, wo ja meist der Wellengang ein ganz anderer ist, lieber anderen.

    5) Hatten Sie selbst einmal Gedanken, ähnlicher Ihrer Hauptfigur, gegen alle gesellschaftlichen Konventionen zu handeln?
    Nein, um ehrlich zu sein nicht. Bisher habe ich mich nie von gesellschaftlichen Konventionen derart eingeengt oder gehindert gefühlt, dass ich gegen sie handeln musste. Sicherlich wurde ich auch hin und wieder etwas schräg angeschaut, als ich die ersten Male formulierte, dass ich Germanistik studieren wolle, denn das gilt ja als eines der brotlosen Berufsfelder. Aber heute muss man sich davon nicht mehr aufhalten lassen, man hat die Wahl, ob man sich für ein Ziel einsetzt, auch wenn es erst einmal abwegig oder aussichtslos erscheint. Ganz im Gegensatz zu Jeanne Baret, die durch die gesellschaftlichen Konventionen in ihrer Entscheidungsfreiheit beschnitten und auf das damals geltende Rollenmodell reduziert wurde.

    6) Welche Frauen bewundern Sie und wofür?
    Diese Frage ist schwerlich zu beantworten, da es viele Frauen gibt, die ich bewundere. Meist sind es einzelne Charaktereigenschaften, ein Talent oder ein besonderes Engagement, das ich bemerkenswert finde. Insofern beeindrucken mich auch ganz »normale« Frauen, die gänzlich unbekannt sind, über deren Handeln niemand spricht. Sei es die Freundin, die unglaublich berührend singen kann, die Nachbarin, die ehrenamtlich in einem Hospiz arbeitet oder die Bekannte, die einfach zum Niederknien gut kochen kann, wenn sie nicht gerade in einer Schrauberwerkstatt ihren heiß geliebten Oldtimer wieder fit macht. Wie gesagt, die Bandbreite ist da enorm, und ich glaube, fast jeder hat eine Seite in sich, die ihn auszeichnet – die einen leben sie nur offensichtlicher als die anderen.

    7) Sie haben vom Schreiben für Film und Fernsehen zum Romanschreiben gewechselt. Wo fühlen Sie sich mehr zu Hause?
    Nein, ich habe »die Seiten« nicht wirklich gewechselt, in den letzten Jahren blieb durch die Arbeit am Roman wenig Raum für den Bereich Film und Fernsehen, wenn überhaupt habe ich Recherchen für verschiedene Dokumentationen gemacht. Das ist in der Regel ein klar abgesteckter Zeitrahmen, so dass ich diese Projekte gut mit dem Romanschreiben kombinieren kann. Kürzlich habe ich aber wieder ein Ideenpapier für eine Filmproduktionsfirma entwickelt. Wichtig ist mir zu betonen, dass das Drehbuchschreiben mir das notwendige »Handwerkszeug« zum Schreibens geliefert hat. Denn hier habe ich viel über Dramaturgie gelernt, beispielsweise darüber, wie einen Stoff strukturiert, wie man Entwicklungsbögen in Figuren anlegt oder Dialoge gestaltet. Das kommt mir nun beim Schreiben von Romanen zugute.

    8) Können wir uns schon auf ein weiteres Buch von Ihnen freuen?
    Ja, derzeit schreibe ich an meinem zweiten Roman, der wieder durch einen realen historischen Hintergrund angeregt wurde. Dieses Mal führt die Geschichte nach Frankreich ins 15. Jahrhundert.

    Das Interview führte Marianne Bohl

    Quelle: magazin.dtv.de
  • Mit allen Sinnen wahrgenommen

    Die Histo-Couch im Interview mit Liv Winterberg über ihre Romane, die Charaktere darin und Kritiken darüber

    Histo-Couch: Frau Winterberg, Sie haben Ihre Leser mittlerweile auf Reisen ins 18. und ins 15. Jahrhundert mitgenommen. In welcher Epoche bewegen Sie sich momentan gedanklich?

    Liv Winterberg: Derzeit bin ich im 14. Jahrhundert unterwegs, genau genommen zum Beginn des 14. Jahrhunderts.

    Histo-Couch: Mit Ihrem Debütroman „Vom anderen Ende der Welt“ haben Sie einen rasanten Start als Autorin hingelegt. Hatten Sie mit diesem Erfolg gerechnet?

    Liv Winterberg: Nein, wirklich nicht. Der Roman spielt im 18. Jahrhundert und für mich persönlich blieb beim Schreiben stets ein Rest Unsicherheit, ob die Leserinnen und Leser von Historischen Romanen in diese Zeit folgen.

    Histo-Couch: Was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie Ihren ersten gedruckten Roman in Händen hielten?

    Liv Winterberg: Das war ein Moment, in dem ich wenig gedacht, ihn aber umso mehr mit den Sinnen wahrgenommen habe: Zuerst fiel mir das Gewicht auf, wie schwer das Buch ist, dann bin ich mit den Fingern über die Prägung gefahren, habe im Anschluss die Seiten durchgeblättert. Es war eher ein Sehen und Fühlen, gemischt mit purer Freude.

    Histo-Couch: Hat sich dieses Gefühl bei der Veröffentlichung des zweiten Romans wiederholt? Oder ist man da schon etwas abgeklärter?

    Liv Winterberg: Ja, es ist seltsam, aber ich denke, dass „Vom anderen Ende der Welt“ seinen Platz gefunden hat, wenn ich das mal so formulieren kann. Nun gilt es, „Sehet die Sünder“ auf seinem Weg zu begleiten. In diesem Buch steckt genauso viel Arbeit und Herzblut, so dass sich der Prozess, zumindest für mich, wiederholt.

    Histo-Couch: Während Sie bei Ihrem Debüt auf Entdeckungsreise gegangen sind, bleiben Sie bei „Sehet die Sünder“ ausgesprochen sesshaft: Der Roman spielt zur Hauptsache in der sehr überschaubaren Welt einer kleinen Dorfgemeinschaft. Welches Umfeld fasziniert Sie persönlich mehr?

    Liv Winterberg: Beides hat seinen eigenen Stellenwert. Im ersten Roman ging es darum, die Welt zu entdecken, das ist exotisch und aufregend, wenn neue Eindrücke auf einen einstürmen. Aber die Dorfgemeinschaft ist auch ein Sinnbild für den Herkunftsort, der Ort, an dem unsere Wurzeln liegen, also das Zuhause. Da ich eine enge Bindung zu meinem persönlichen Umfeld habe, weiß ich ebenfalls das heimische Miteinander zu schätzen.

    Histo-Couch: Ihren beiden bisherigen Romanen gemein ist die Enge einer Gemeinschaft, die letztlich auch zu zwischenmenschlichen Problemen führt: Zum einen die zusammengewürfelte Mannschaft auf dem Schiff, zum anderen die über Jahrzehnte gewachsene Dorfstruktur in der Bretagne. Erlebten Sie selber schon eine solche Enge?

    Liv Winterberg: Nein, glücklicherweise nicht. Diese intensiven, engen Lebensgemeinschaften sind aber aus erzählerischer Sicht geeignet, um Konflikte entstehen zu lassen. Gerade beim ersten Roman war es unausweichlich, darauf einzugehen.

    Histo-Couch: Wie ist es Ihnen möglich, sich so intensiv in eine Situation einzufühlen, dass Sie es vermögen, diese so lebendig zu schildern, als stünden Sie mittendrin?

    Liv Winterberg: Wirklich beantworten kann ich die Frage nicht. Beim Schreiben habe ich das Gefühl, selbst dabei zu sein oder zumindest einen Film in meinem Kopf zu sehen. Oft kann ich mit meinen Figuren mitfühlen, und all das bringe ich dann zu Papier.

    Histo-Couch: Ihre Protagonisten entsprechen nicht ganz dem gängigen Bild eines Helden, sondern sind oft knorrige oder eigenwillige Persönlichkeiten. Wie kommt es zu diesen Charakteren?

    Liv Winterberg: Darauf lege ich Wert beim Schreiben: die Figuren vielschichtig anzulegen. Sie erscheinen mir so ehrlicher und realistischer, so mag ich sie sogar lieber, als wenn es Figuren wären, die es in ihrer Heldenhaftigkeit im realen Leben nicht geben könnte. Gerade bei den „Sündern“ war es mir wichtig, dass alle Figuren ihre Schattenseiten haben, denn meiner Meinung nach steckt in jedem von uns auch etwas Sündiges, Schwaches. Bei manchen ist es ausgeprägter, bei anderen wiederum blitzt es nur selten hervor, aber das ist für mich menschlich, und wenn wir die Menschen um uns herum mit diesen Eigenheiten akzeptieren, entsteht oft erst wirkliche Nähe zueinander.

    Histo-Couch: „Sehet die Sünder“ könnte im Prinzip als historischer Krimi bezeichnet werden, dreht sich die Geschichte doch stark um mehrfachen Mord. Dennoch wird er vom Verlag als Historischer Roman geführt. Fürchten Sie sich vor dem Krimi-Image?

    Liv Winterberg: Nein, überhaupt nicht, ich liebe Krimis und hatte sehr viel Spaß daran, in diesem Roman eine Krimihandlung einzubauen. Das war eine Verlagsentscheidung, und ich gehe bei beiden Bezeichnungen mit.

    Histo-Couch: Warum schreiben Sie historische Romane und nicht zeitgenössische Belletristik?

    Liv Winterberg: Da ich gern recherchiere, lag es nahe, dass ich Historische Romane schreibe. Mir liegt es, in fremde, vergangene Welten abzutauchen und sie auf Papier „wieder auferstehen zu lassen“. Aber das schließt für mich nicht aus, dass ich auch irgendwann mal Belletristik schreibe.

    Histo-Couch:< Wann zündet der Funke, der Sie dazu bringt, sich näher mit einer bestimmten Geschichte zu befassen und darauf einen Roman aufzubauen?

    Liv Winterberg: Hm, ich merke gerade, dass ich in diesem Interview sehr viel über Gefühl und Intuition spreche. Das Schreiben ist eine Mischung aus beidem, Handwerk und Gefühl. Und beim Entwickeln von neuen Projekten spielt bei mir die Intuition eine wichtige Rolle. Eigentlich ist es so, dass die Stoffe „mich finden“, ich kann mich nur schwerlich hinsetzen und auf Wunsch eine Idee entwickeln. Vielmehr weiß ich sofort, wenn ich mich mit einem Thema befasse, ob es das Potential hat, über 400-500 Seiten erzählt zu werden. Diese Augenblicke der „Entdeckung“ eines neues Stoffes waren schon oft mit jeder Menge Euphorie verbunden …

    Histo-Couch: Welche Tugend würden Sie für die Arbeit eines Autors als wichtiger betrachten: Fleiss und Disziplin, um konsequent an einem Manuskript zu arbeiten oder Fantasie, um eine Geschichte so aufzubereiten, dass sie die Leser erreicht.

    Liv Winterberg: Darf ich trotzdem für die 50:50-Variante plädieren? Denn wenn eines von beiden nicht vorhanden ist, entsteht kein Buch. Ohne Disziplin so wenig wie ohne Kreativität.

    Histo-Couch: Den Lesern ein Buch vorzulegen, bedeutet auch, sich deren Urteil zu stellen. Wie gehen Sie damit um? Fürchten Sie sich vor dem Moment, in dem die ersten Reaktionen von ausserhalb Ihres eigenen Umfelds eintreffen?

    Liv Winterberg: Mir ist das Feedback generell sehr wichtig, deshalb mache ich, wenn das Manuskript fertig ist, ausführliche „Testleser-Runden“, in denen mir die Familie, Freunde, Bekannte und Fachleute mitteilen, was sie von dem Buch halten. Insofern habe ich schon immer vor dem Erscheinen des neuesten Romans eine erste „Feuertaufe“ hinter mir. Die Reaktionen und Rückmeldungen sind spannend, wobei ich, ob nun in der privaten Testleserrunde oder bei öffentlichen Rezensionen und Kritiken, darauf achte, wie fundiert argumentiert wird – positiv wie negativ. Ja, auch kritische Meinungen, die gut darlegen, was sie stört, sind aufschlussreich. Und dass ich mich über gute Rezensionen freue, kann man sicherlich verstehen.

    Histo-Couch: Welche Rückmeldung hat Sie bisher am meisten gefreut?

    Liv Winterberg: Das kann ich nicht so genau sagen. Mich berührt es immer, wenn das Buch die Leserinnen und Leser bei ihren Emotionen packt, wenn die Themen auch etwas mit ihnen zu tun haben, wenn sie sich mitfreuen, mitleiden, sich fürchten usw.

    Histo-Couch: Lesen Sie selber? Wenn Ja, welches Buch liegt bei Ihnen momentan auf dem Nachttisch?

    Liv Winterberg: Ja, ich lese jede Menge, derzeit wieder viel Sekundärliteratur für das dritte Buch. Ansonsten habe ich letzthin „Visby“ von Barbara Slawig beendet, und – der Weihnachtszeit entsprechend – zum Genießen „Aschenbrödel“ von Maike Stein vom SUB geholt. Ach ja, und in der Tasche, für unterwegs, habe ich derzeit noch einen historischen Klassiker, „Die Päpstin“ von Donna W. Cross. Es ist stets interessant zu sehen, wie andere Autorinnen und Autoren Historischer Romane arbeiten.

    Das Interview führte Rita Dell´Agnese

    Quelle: histo-couch.de